Tierärztliche Gemeinschaftspraxis Dr. Silke Meermann | Britta Westermann
Praktische Tierärztinnen




Vestibulärsyndrom beim Hund


Der alte Hund hält plötzlich den Kopf schief und es ist
...doch kein Schlaganfall!!



Das so genannte geriatrische (=altersbedingte) oder auch idiopathische (= Erkrankung, deren Ursache unklar ist) Vestibulärsyndrom ist eine Erkrankung, die beim älteren Hund sehr häufig auftritt.

Durch welche Anzeichen ist das Vestibulärsyndrom gekennzeichnet?

Die auffälligsten Symptome sind eine plötzliche Kopfschiefhaltung zu einer Seite. Häufig können die Hunde nicht laufen und manchmal nicht einmal stehen, dabei fallen sie in der Regel immer zur selben Seite oder zeigen Kreislaufen in die Richtung, zu der sie auch den Kopf halten. Darüber hinaus kann Übelkeit auftreten – diese äußert sich als Erbrechen oder in milderer Form einfach als vermehrter Speichelfluss und Appetitlosigkeit. Bei genauem Hinsehen fällt außerdem auf, dass die Augen schnell hin und her zittern, dieses Augenzittern wird auch als Nystagmus bezeichnet. Die Symptome können bereits nach wenigen Minuten von alleine wieder verschwinden, oder über Tage bestehen bleiben.

Wodurch wird ein Vestibulärsyndrom ausgelöst?

Die Symptomatik, die der Hund bei einem Vestibulärsyndrom zeigt, entsteht dadurch, dass das Gleichgewichtsorgan im Innenohr des Hundes auf einer Seite ausfällt. Dadurch erhält das Gehirn keine verwertbaren Informationen mehr darüber, wo oben und unten ist und der Hund hat das Gefühl, ständig in Bewegung zu sein. Dies führt dazu, dass er mit den Augen versucht, die vermeintlich bewegliche Horizontlinie zu fixieren. Der Brechreiz ist vergleichbar mit der Übelkeit, die bei Seekrankheit auftritt. Was genau den Ausfall des Gleichgewichtsorgans auslöst, ist bisher jedoch noch unklar. Vermutet werden Durchblutungsstörungen, sowie neurologische Probleme.

Wie wird das Vestibulärsyndrom behandelt?

Die Behandlung des Vestibulärsyndroms zielt einerseits darauf ab, die Symptome zu lindern und andererseits die Durchblutung des Gleichgewichtsorgans zu verbessern.
- Die Hunde erhalten dazu in der Regel über drei Tage lang intravenöse Infusionen,
- sie werden mit einem so genannten Antiemetikum gegen Übelkeit behandelt
- und erhalten den durchblutungsfördernden Wirkstoff Propentophyllin.
- Ergänzend können B-Vitamine zur Verbesserung der Nervenfunktion gegeben werden; die Therapie kann außerdem durch homöopathische bzw. biologische Präparate unterstützt werden.
Vor allem das Propentophyllin sollte lebenslang in Form von Tabletten weiter gegeben werden. Da die Verabreichung von Cortison keine nachweisliche Verbesserung des Zustandes bewirkt, wird heute eine Cortisongabe nicht mehr empfohlen!
Außerdem empfiehlt es sich, durch eine Blutuntersuchung andere Erkrankungen auszuschließen. Insbesondere eine Schilddrüsenunterfunktion sollte abgeklärt werden, auch die Ohren des Hundes sollten gründlich untersucht werden.

Warum ist es wichtig zu wissen, dass ein Vestibulärsyndrom kein Schlaganfall ist?

Beim Vestibulärsyndrom ist die Schädigung deutlich geringer und die Aussicht auf Heilung wesentlich besser!
Ein Schlaganfall stellt eine schwerwiegende Erkrankung dar. Er ist dadurch gekennzeichnet, dass eine zum Gehirn führende Schlagader (=Arterie) durch einen Thrombus verstopft und so ganze Bereiche des Gehirns nicht mehr mit Blut und Sauerstoff versorgt werden. Das Ausmaß der Schädigungen im Gehirn, die Ausfälle der motorischen und sprachlichen Fähigkeiten, sowie die Aussicht auf Heilung oder zumindest Besserung sind stark davon abhängig, welche Gehirnbereiche getroffen wurden und wie lange diese nicht durchblutet wurden.
Demgegenüber verursacht der Ausfall des Gleichgewichtsorgans nur eine vergleichsweise harmlose Beeinträchtigung. Außerdem tritt in den allermeisten Fällen bei einem Vestibulärsyndrom innerhalb von 72 Stunden eine wesentliche Verbesserung des Zustandes ein. Manche Hunde behalten zwar eine leichte Kopfschiefhaltung zurück, gewöhnen sich aber schnell an den einseitigen Ausfall des Gleichgewichtsorgans, so dass sie nach kurzer Zeit wieder normal laufen und fressen können. Auch das Augenzittern und die Übelkeit verschwinden in der Regel innerhalb weniger Tage – im selben Maße kehrt der Appetit zurück. Die Prognose dafür, dass der Hund innerhalb weniger Tage wieder ein normales Leben als Familienmitglied führen kann, ist beim Vestibulärsyndrom gut bis sehr gut!

Echte Schlaganfälle sind beim Hund sehr selten!
Während das Vestibulärsyndrom bei Hunden häufig vorkommt, sind echte Schlaganfälle sehr selten! Dies liegt daran, dass Gefäßerkrankungen und die Bildung von Thromben beim Hund quasi nicht vorkommen. Die Symptome, die beim Vestibulärsyndrom auftreten, können Ähnlichkeit mit einer halbseitigen Lähmung wie bei einem Schlaganfall haben – allerdings ist der Hund bei Ausfall des Gleichgewichtsorgans bei vollem Bewusstsein und die Gehirnfunktion an sich ist nicht beeinträchtigt.
In dem Wissen, dass der Hund "nur" ein Vestibulärsyndrom hat und keinen echten Schlaganfall, fällt die Entscheidung zu einem Therapieversuch wesentlich leichter und eine Euthanasie sollte wirklich erst dann erwogen werden, wenn sich innerhalb von drei Tagen keine Besserung zeigt!!!
Nichtsdestotrotz ist die emotionale Belastung für Besitzer und Hund in den ersten Tagen hoch: durch die meist plötzlich und oft auch sehr heftig eintretenden Krankheitssymptome ist die Sorge um den Hund groß – außerdem ist er anfangs auf die intensive Unterstützung der Besitzer angewiesen, da er Hilfe beim Laufen und oftmals auch beim Fressen braucht und beim Kot- und Urinabsatz gestützt werden muss. Oft wirkt er in der ersten Zeit auch unruhig und verwirrt. Dennoch lohnt es sich, in dieser Phase nicht aufzugeben – in der Mehrzahl der Fälle geht es dem Hund bereits nach drei Tagen deutlich besser!

Leider besteht beim Vestibulärsyndrom Rezidivgefahr, d.h. selbst nach überstandener Erkrankung sind Rückfälle möglich!



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